Kashmir

Diese Musik in meiner Werbung Die hohe Kunst, Musik zu kreieren, die gleichwohl betörend als auch abstrakt klingt, beherrschen Kashmir wie nur ganz wenige europäische Bands. Auf ihrem neuen Album "No Balance Palace" verwendet das dänische Quartett zur Erreichung dieses ganz speziellen "Kashmir-Effekts" allerdings zunehmend rockige und finstere Stilelemente - die allerdings wie eh und je von Kasper Eistrups geschmeidigen und schwerelosen Gesangslinien verfeinert werden.

Was wir auf "No Balance Palace" zu hören bekommen, klingt vertraut und doch gleichzeitig rätselhaft und frisch. Es ist eine ätherische und dennoch beunruhigende Platte, die dem Hörer eine gehörige -aber jederzeit zumutbare - Portion Geduld und Aufmerksamkeit abverlangt. Derjenige jedoch, der die nötige Zeit investiert, wird mit einem wunderbaren musikalischen Erlebnis belohnt.

Einst gehörten die Kashmir-Mitglieder zu einer Kopenhagener Clique Kunst-besessener Dreikäsehochs, die ihre kreative Energie in diversen Medien, wie z.B. Grafik, Strassenkunst, absurder Poesie und Musik zum Ausdruck brachten. Schliesslich fanden sie die für sie geeignete Form der Kommunikation: Sie gründeten eine Rockband. "Ein voll aufgedrehter Verstärker ist das einfachste Mittel, um sich Gehör zu verschaffen - die Leute hören entweder zu oder sie gehen. Man kann diese Art von Aufmerksamkeit mit Bildermalen oder der Rezitation eines Gedichts überhaupt nicht erreichen", erklärt Kasper.

Von Anfang an waren die vier Musiker - Mads Tunebjerg (Bass), Asger Techau (Schlagzeug), Henrik Lindstrand (Keyboards, Gitarre) und Kasper Eistrup (Gesang, Gitarre) - immer wieder auf der Suche nach einem Sound, der sich vollkommen von dem des vorher gehenden Outputs abhob. Das logische Resultat sind fünf Alben, die alle völlig unterschiedlich klingen.

"Der Arbeitsablauf im Studio wird bei uns mit der Zeit immer chaotischer und beim neuen Album haben wir wirklich nicht sehr viele bewusste Entscheidungen getroffen, in welche musikalische Richtung das Ganze eigentlich gehen soll. Kasper warf seine halbfertigen Songs in die Runde und wir arbeiteten als eine gemeinsame Einheit daran - das war eine sehr berauschende Erfahrung", erklärt Mads. "Das beste ist aber, dass es wirklich ein Rockalbum geworden ist, das viel mehr Spass macht, live zu spielen, als - sagen wir mal - ein Album voller akustischer Folksongs."

Im Sommer 2004 hatte die Band einen ganzen Haufen neues Material zusammen. Kasper hatte einige Reihe düstere, zurückhaltende Songs geschrieben, die den Ausgangspunkt für die Demo-Aufnahmen zum Album im Band-eigenen "Petite Machine"-Studio bildeten. Dort war bereits das selbst produzierte Vorgängeralbum "Zitilites" entstanden. Mit voran schreitendem Prozess kristallisierte sich eine weit gröbere und improvisiertere Arbeitsweise heraus, die letzten Endes die Richtung für das gesamte Material vorgab. Einige der wichtigsten Einflüsse waren dabei Bands wie Sonic Youth und My Bloody Valentine. "Es hat einige Zeit gebraucht, bis wir uns da ´reingefuchst hatten", erinnert sich Kasper, "...aber als uns das erstmals gelungen war, ergaben sich die restlichen Songs fast von selbst."

Die Kashmir-Mitglieder beschlossen, die Verantwortung für die Produktion diesmal nicht alleine zu tragen und sahen sich nach einem geeigneten Studio-Partner um. Einer der Wunschkandidaten war Tony Visconti, der in seiner Karriere David Bowie, Iggy Pop, T-Rex, Sparks und viele weitere Legenden produziert hatte. "Er hörte sich 'Zitilites' an und war Feuer und Flamme. Er nahm sofort Kontakt zu uns auf, weil er bereits seit einiger Zeit nach einer Band wie uns gesucht hatte, mit der er arbeiten konnte", erzählt Kasper.

Viconti liess während der Aufnahme-Sessions in Kopenhagen die Zügel locker und schritt nur dann ein, wenn der Prozess zu einem Stillstand zu kommen drohte. "Er verstand unsere Ideen und half uns, sie in die Tat umzusetzen. Wir haben noch nie mit einem umgänglicheren, technisch versierteren und kreativeren Menschen zusammengearbeitet. Er verwendet seine Instrumente mit der Präzision eines Chirurgs", sagt Kasper.

Während des Abmischens in New York experimentierten Kashmir und Visconti mit einem Instrumentalstück herum und kamen zu dem Schluss, dass der Song gut und gerne eine Spoken-Word-Passage vertragen könne. Kasper hatte ein Gedicht mit dem Titel "Black Building" verfasst, doch der düstere, atmosphärische Track bedurfte einer ganz speziellen Stimme. Man kam auf die Idee, Lou Reed zu fragen, ob er den Part übernehmen wolle und dieser antwortete umgehend, dass er dies sehr gerne tun würde. Seine Stimme macht "Black Building" nun komplett. Ein weiteres Stück des Albums, "The Cynic", ist ein Duett mit keinen Geringeren als David Bowie. Während der Aufnahmen in Kopenhagen, hatten Kashmir die Vision, Bowie müsse eine Strophe des Songs singen. Dieser kannte die Band bereits und war sofort von der Idee begeistert, mit Kashmir zu arbeiten.

Kaspers Stream-of-Conscioness-Texte entstehen normalerweise, wenn der Kashmir-Sänger, -Gitarrist und -Frontmann sein Bewusstsein auf Stand-By switcht und den Ideen freien Lauf lässt. Die übrige Band entwickelt die Musik auf ganz ähnliche Art und Weise. "Wir wollten unsere ganze ungezügelte Energie ´rauslassen. Wir wurden dazu inspiriert, nachdem wir beobachtet hatten, was junge Leute so alles in Bewegung setzen können, wenn sie abends ausgehen. Dieser hedonistische Nightlife ist eine Art "No Balance Palace". Das Album entstand also mit einer sehr aggressiven Energie - mit einer selbst zerstörerischen Note", erklärt Kasper. Sein Fazit: "Alles in allem geht es um's Über-die-Stränge-schlagen, Schändlichkeiten aller Art, Verdorbenheit und Hedonismus."

Die elf Stücke auf "No Blanance Palace" wurden in Kopenhagen aufgenommen, anschliessend in Tony Viscontis "Looking Glass Studios" in New York abgemischt und schliesslich von George Marino (u.a. Coldplay, Gavin DeGraw, Aerosmith) in den Sterling Sound Studios gemastert. Noch bevor "No Balance Palace" am 7. Oktober erscheint, werden die vier Kopenhagener im Rahmen des dänischen Abends bei der Popkomm in Berlin am 15. September im Postbahnhof auftreten.

<i>2005</i>